Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse
Pressereaktionen auf "Heldenplatz"

"Wochenpresse"
Die Berichterstattung in der Wochenpresse verläßt die Grundlage jeglicher journalistischer Seriosität und bietet Höhepunkte an boulevardesken Sensationen. Der Einstieg in die Skandalerregung am 7. Oktober zeigt Peymann bereits auf dem Titelblatt.
Die ausgewählten Textpassagen unter dem Titel "Österreich, sechseinhalb Millionen Debile", sind aus dem Zusammenhang gerissen. Die eingefügten Zwischentitel, die keine andere Betrachtungsweise zulassen ("Ein mit Analphabeten ringender Bundeskanzler", "Nur die Wahl zwischen schwarzen und roten Schweinen"), gibt dem Text eine eindeutige Betrachtung.
Brisant wird die Fahrlässigkeit der Auseinandersetzung, als der damalige Chefredakteur der "Wochenprese", Hans Magenschab, die Diskussion sozusagen in die Hand nimmt. Prompt folgert er in der nächsten Ausgabe unter dem Titel "In jedem Wiener steckt ein Massenmörder" und Zwischentitel "Judenhaß ist die Natur des Österreichers", daß die vergangene Woche veröffentlichten Zitate "die österreichische Seele ins Herz" getroffen hätten. Nach dem Judenproblem ist das zweitwichtigste Argument für Magenschab die horrende Honorarleistung, ("Die Wochenpresse hat recherchiert, was er kassieren wird") die Bernhard für sein Stück "Heldenplatz" erhält: unversteuerte 200.000 Schilling! Meiner Meinung nach nicht allzuviel, wenn man die Produktionszeit eines Stückes betrachtet.
Neuerliche Zitate aus dem Stück kommentiert Magenschab wie folgt (14. 10.):
Als am Höhepunkt der Waldheim-Auseinandersetzung das deutsche
Nachrichtenmagazin "Spiegel" behauptete, in Wien würden Juden angespuckt,
protestierte Wiens Bürgermeister Helmut Zilk und berief eine Pressekonferenz
ein. Konkret konnte der Beweis für die Behauptung tatsächlicher Angriffe
gegen Juden nie erbracht werden. Dennoch findet sich bei Bernhard eine
Passage, in der die alte "Spiegel" - Behauptung literarisiert wird.
Befürchtungen, Bernhards Text könnte im Ausland mißverstanden
werden und neuerlich den Eindruck erwecken, in Wien würden Juden
tatsächlich angegriffen, ist dem Österreichischen Autor offenbar nicht gekommen.
Am 21. Oktober werden zwei Standpunkte "gegenübergestellt". In einem Interview kommt Kurt Waldheim unter dem Titel "Ich rede, wenn dem Land Schaden droht" zu Wort. Darunter sind zwei Fotos des Bundespräsidenten. Ein Bild mit drohendem Zeigefinger zu seiner Meinung, darunter ein Bild des lachenden Waldheim vor einer Trachtenmusikkappele. Im Kulturteil spricht Filmemacher Ferry Radax über Thomas Bernhard, wie er wirklich ist. Die Aufmachung ist im Gegensatz zum Waldheim Interview von schlichter Unauffälligkeit.
Am Tag der Premiere gelingt es Hans Magenschab in einem Leitartikel mit wohl überlegter Härte, Hetze und Manipulation, die Instinktlosigkeit zu zeigen, die er Claus Peymann in demselben Artikel vorwirft: "Die letzte von seinen Instinktlosigkeiten seit seinem Amtsantritt in jenem Land, in dem er nach Selbstbekennung nur Gast ist". Die Diskussion nimmt halt auf historischem Boden (4. 11.):
Der Zentrale Satz des Bernhardschen "Heldenplatz"-Opus - das ich als einer
der wenigen Journalisten wirklich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen
habe - und der auch in der Letztfassung erhalten geblieben ist, (die wir übrigens
völlig korrekt schon vor Wochen in der WOCHENPRESSE veröffentlicht haben),
wird von einem österreichischen Juden anno 1988 - nach dem Selbstmord des
Bruders - folgendermaßen ausgesprochen: "Für unsereinen (einen Juden)
ist ja der Friedhof immer der einzige Ausweg gewesen."
Genau das aber ist schlicht nicht als legitime Überzeichnung zu beschönigen,
nicht durch dichterische Freizügigkeit zu entschuldigen und nicht mit der Frei-
heit der Kunst zu legimitieren - es ist eine schäbige Unterstellung. Und diese be-
leidigt alle anständigen Österreicher, ob Juden oder Nichtjuden, in früherer
Zeit und heute.
Auch das soll nämlich einmal ausgesprochen werden: In Österreich durften jüdische
Bürger eben bis zu jenem "Heldenplatz" im März 1938 leben und arbeiten, als der deutsche
Zeitgeist in Bochum längst wehte und Österrich wie Max Reinhardt und Sigmund Freud
nur in der "Judenrepublik" (so Adolf Hitler über den Schuschnigg-Staat) ihr zuhause hatten.
In der Gegenwart und im Bedenkjahr 1988 noch immer von der Schuldlosigkeit Österreichs auszugehen, das von Adolf Hitler, übrigens einem Österreicher ausgegangen und von Deutschland übernommen worden ist, ist entsetzlich. In Österreich hatten zum Beispiel die Burschenschaften der Universität 1865, lange vor Deutschland, den Arierparagraphen eingeführt.
Zurück zur Auswahl der einzelnen Zeitungen  Zu den Leserbriefen



Werbung: