Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse
"Heldenplatz" und die Vorgeschichte

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Eine wichtige Rolle spielte in dem echt Wiener Theater um "Heldenplatz", daß es im Burgtheater aufgeführt wurde, noch dazu zur Hundertjahrfeier dieses traditionsreichen Hauses.
Der "Heldenplatz" - Skandal, den die Medien aufgrund eines Pressevorabdrucks einiger Passagen des Stücks schon lange vor der Premier aufführten, hatte zum Teil mit der besonderen Stellung des Burgtheaters mit der staatlichen österreichischen Hochkultur zu tun. "Die Presse" vom 11.Oktober 1988 sah in der bevorstehenden Burgtheater - Aufführung von "Heldenplatz" den Tatbestand einer Beleidigung der Staats - Majestät gegeben und vermutete eine "anarchistische Königsidee" in Bernhards Stück: Den "Staat und alles, was sich für staatstragend hält, auf dessen Kosten in seinem Staatskunstinstitut mit Unflat zu bombardieren"
Kaum hatten sich die Wellen der Empörung über George Taboris Inszenierung Franz Schmidts "Sieben Siegel" bei den Salzburger Festspielen und Alfred Hrdlickas Errichtung des Antifaschismus Denkmals am Wiener Albertinaplatz geglättet, sorgte nun "Heldenplatz" erneut für eine Kunstdebatte in Österreich.
Die Geheimhaltung des Stückes gab Anlaß zu jenen Spekulationen, an denen sich die österreichischen Gemüter erhitzen konnten.
Am 19. 9. 1988, also beinahe sieben Wochen vor der vom 14. Oktober auf den 4. November verschobenen Uraufführung, wurden unautorisierte Auszüge aus Bernhards "Heldenplatz" veröffentlicht. Aus den Textauszügen ging hervor, daß die Österreicher als "sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige" bezeichnet werden, und daß in Wien "die Zustände ja wirklich heute so wie sie achtunddreißig gewesen sind" seien, daß es "jetzt mehr Nazis in Wien als achtunddreißig" gebe und daß man in Österreich "entweder katholisch oder nationalsozialistisch" zu sein habe. Daß diese Vorwürfe die Österreichische Seele gerade im Gedenkjahr hart treffen mußte, lag auf der Hand. Außerdem war das Selbstvertrauen der Österreicher durch Ereignisse wie den "Noricum" Skandal, die "Lucona" Affäre und den unglücklichen "Draken" Ankauf schon stark angeschlagen. Auch die aus der ungeklärten Kriegsvergangenheit Bundespräsident Waldheims resultierenden und als ungerecht empfundenen Vorwürfe aus dem Ausland und die Entscheidung der U.S.A. Österreich auf die "Watchlist" zu setzen, führten zu einem Imageverlust Österreichs.
Diese Faktoren trugen natürlich dazu bei, daß die Österreicher sich als Bewohner einer "Skandalrepublik" sahen.
Die Reaktionen auf die publizierten Textausschnitte ließen nicht lange auf sich warten, und obwohl niemand das Stück wirklich kennen konnte, hatten sich bald beinahe alle namhaften Politiker zum Fall "Heldenplatz" zu Wort gemeldet. Die Politiker waren zur Stelle, um die Ehre des gekränkten Staatsvolks und ihre eigene mit volksnahen Sprüchen zu verteidigen. Während Bundeskanzler Franz Vranitzky, Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek und Wiens Kulturstadträtin Ursula Pasterk unter Berufung auf das Grundrecht auf Freiheit der Kunst für eine Aufführung eintraten, gab es auch zahlreiche Gegenstimmen. So verlangte bereits am Sonntag, dem 9. 10., also zwei Tage nach der Veröffentlichung der Textausschnitte, Vizekanzler Alois Mock mit dem Argument, daß eine derartige Aufführung nicht mit öffentlichen Mitteln finanziert werden dürfe, die Absetzung des Stücks vom Spielplan.
Am Montag, dem 10. 10., gab der ehemalige Bundeskanzler Bruno Kreisky seine Meinung telefonisch aus Mallorca ab: Ein Stück wie "Heldenplatz" dürfe sich Österreich nicht gefallen lassen. Am gleichen Tag nannte Wiens Bürgermeister Helmut Zilk "Heldenplatz" eine "paranoische Selbstdarstellung eines Menschen, der ein Leben lang nicht mit sich selbst fertiggeworden ist".
Am Dienstag, dem 11. 10., gab die Interessengemeinschaft österreichischer Autoren eine Solidaritätserklärung für Peymann und Bernhard ab. Am Mittwoch, dem 12. 10., forderten sowohl Mock als auch FPÖ Obmann Jörg Haider eine vorzeitige Ablöse Peymanns als Burgtheaterdirektor. Haider, um seine Ansicht über Peymann befragt, antwortete mit einem Karl Kraus Zitat, das sich allerdings auf den korrupten Zeitungsmacher Imre Bekessy bezog: "Hinaus aus Wien mit diesem Schuft!" Bundespräsident Waldheim hielt Bernhards Stück "für eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes und lehn(t)e es daher ab."
Am Donnerstag, dem 13. 10., erfolgte ein Boykottaufruf des Kultursprechers und Wiener ÖVP Obmanns Erhard Busek. Gleichzeitig forderte er Hawlicek zum Rücktritt auf.
Auch in den österreichischen Medien lösten die "Heldenplatz" Zitate eine heftige Diskussion aus, die in Zensurrufe und Verbotsforderungen eskalierte.
Die "Burg" war seit Herbst 1986 in der Hand von Bernhards Meisterregisseur Claus Peymann, einem Burgtheaterdirektor, der, vom sozialistischen Ministerium für Unterricht und Kunst eingesetzt, den kulturpolitischen Gegenwind nach Kurt Waldheim und Jörg Haiders Erfolgen in Österreich zu spüren bekam, im Sinne eines Theaters, die Konfrontation nicht scheute. Die Leserbriefspalten in den Zeitungen füllten sich mit den üblichen Drohungen gegen Autor und Regisseur, und manchmal war man sogar mit einem gewissen Witz dafür oder dagegen. Der Skandal war da, der Andrang auf die Karten groß, die Premiere konnte, drei Wochen verspätet, am 4.November 1988 über die Bühne gehen. Das Bernhard - Publikum brachte dem Stück den Erfolg, den es verdiente. Bernhard mußte sich einem 40 minütigen Applaus stellen. Der Sieg im Kulturkampf ging vorderhand an Bernhards und Peymanns künstlerischen Beitrag zum Bedenkjahr 1988.
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(4) "Heldenplatz - Eine Dokumentation", Burgtheater Wien, S. 25
(5) Sepp Dreissinger, "Von einer Katastrophe in die andere. 13 Gespräche mit Thomas Bernhard.", Weitra, 1992, S. 146
(6) Hans Höller, "Thomas Bernhard", Rowohlt, 1993, S. 12
(7) "Thomas Bernhard - Heldenplatz - Fotoband", Burgtheater Wien, S. 113




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