Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse
Pressereaktionen auf "Heldenplatz"

"Kurier"
Die Berichterstattung und Kommentarbeteiligung im Kurier ist nicht absolut einheitlich zu sehen. Es zieht sich zu großen Teilen ein Faden der latenten negativen Wertung durch die Artikel. Andererseits gibt es ein paar wenige Kommentare, die Bernhard, Peymann und "Heldenplatz" offen verteidigen und den Medienskandal verurteilen.
Ein hervorragendes Beispiel an Möglichkeiten der latenten Wertung bietet das Interview mit Thomas Bernhard auf der Kulturseite vom 14. Oktober, das die Kulturredakteurin gleichzeitig mit einem Basta Redakteur gemacht hatte. Titel: "Kurier und Basta stellten den Autor von `Heldenplatz´". Durch gekonntes Streichen und Verkürzen der Antworten Thomas Bernhards ergibt sich ein völlig anderer Eindruck als bei dem abgedruckten Interview im Basta. Die Antworten Bernhards auf dieselben Fragen wirken im Kurier verschärft, im Basta bekommt der Autor einen ausgleichenden bzw. verharmlosenden Anstrich.
Bei den Berichterstattungen werden die wenigen positiven Stellungnahmen der Politiker, die eingeflochten werden, durch den Begleitkommentar entwertet. "Kanzlersprecher Krammer wiegelt mit einem Scherz ab: `Das muß nicht unbedingt negativ sein. Außerdem ist es ein Unterschied, ob es ein Künstler oder etwa VP-Chef Mock sagt.´" (8. 10.)
"Ollas Vabrecha!"

Es gibt den Typus des dumpfen Vor-sich-hin-Schimpfers. Man trifft ihn meist in
der Stehweinhalle. Seine ewige gleiche Litanei ist: "Ollas Vabrecha mitanaunder!" Nämlich die
Politik, sein Nachbar im Schrebergarten und die Welt überhaupt. Ein sehr österreichischer Typ
(es gibt ihn auch in manchen Zeitungskolumnen).
Leider hat sich das Werk des großen österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard
in den letzten Jahren diesem Typus gefährlich genähert.
Auch das Stück "Heldenplatz", das demnächst im Burgtheater Uraufführung hat und thamatisch
um den "Anschluß" 1938 kreist, enthält lange Textpassagen, in denen Österreich nach dem
Leitmotiv "Ollas Vabrecha!" behandelt wird.
Das ist eine Tragödie. Österreich braucht - gerade von seinen Künstlern - eine
gerade von seinen Künstlern - eine gnadenlose Kritik. Aber treffen muß sie.
Wer aber auf alles schließt, trifft nichts.
Als Argumentation findet sich in den Kurier Kommentaren sowohl die Kategorie der Steuergelder, des Antisemitismus und des Bedenkjahres.
Jens Tschebull, als "ressortmäßig unzuständiger Kulturkonsument, der seine Steuern und Eintrittskarten voll zu zahlen pflegt", "entlarvt" am 24. 10. die Situation rund um das Debakel in seinem Kommentar "Mein Standpunkt":
Da marschiert ein nordischer Vetter aus Dingsda - ich glaube Bochum war der Name -,
von lokalen Kollaborateuren gerufen und bejubelt, mit einer disziplinierten Leibgarde aus
eindrucksvollen Schauspielern und raffinierten Regisseuren in Wien ein und besetzt alle
wichtigen Posten mit seinen Leuten, wie die Preußen anno 1938.
Aber den schlappen Österreichern gelingt es auch diesmal nicht, ihre ministerielle
Widerstandsparole gegen unerwünschte Eindringlinge. "Wir werden s' schon demonstrieren",
in die Tat umsetzen.
In dieser Situation beschuldigt der Burg-Chef durch die Wahl von Worten, Freunden
und Auftragsstücken sein Gastland, vor 50 Jahren gegenüber einer Invasion
aus Deutschland zuwenig Rückrat bewiesen zu haben.
Geschmacklos ist auch die Form der Briefkommentare. Für den Leser ist es nicht mehr eine theoretische Diskussion, der Autor Bernhard wird nun direkt angesprochen. (16. 10.)
Hut ab drittens vor Ihrer Sprache, die Ihnen von sonst gewohnt
Feinsinnigem zum Biertischgepoltere geronnen ist. Sie haben ihre verbale Bandbreite
(wie schon bei "Holzfällen") bewiesen. Ein Dichter und Denker muß alles können.
Den allergrößten (Winter-) Hut muß ich aber vor Ihrer künstlerischen
Empfindsamkeit ziehen: Ihre teilweise fäkalsprachliche Österreich-Beschimpfung
ausgerechnet einem Juden in den Mund zu legen, zeugt von unübertrefflicher
Autorensensibilität.
Obwohl Sie für Ihr Stück zwischen einer halben und einer Dreiviertelmillion
kassieren werden, halte ich diesen Beweis Ihrer moralischen Entrüstung und
Autorität eigentlich für unbezahlbar.
Kurier Lichtblick am Himmel der Berichterstattung ist der Kommentar von Hubert Hufnagel vom 15. Oktober mit dem Titel "Aus der Senkgrube der Lächerlichkeit". Er faßt die Situation mit wenigen, treffenden Sätzen zusammen.
Das Wörtchen "zuschanzen" fehlte immerhin. Alles zusammen ist natürlich keine
Hetzkampagne, sondern "berechtigte Empörung". Eine Erregung halt.
Den Peymann-Gegnern unter den Burgschauspielern geht es unterdessen wie dem
Zauberlehrling. Sie werden die Ungeister, die sie riefen, nicht mehr los. Sie registrieren
nun angeblich mit Entsetzen, daß versucht wird, von außen in die Spielplan-
gestaltung einzugreifen, Zensur zu üben. Sie protestieren.
Wie läßt doch der Übertreibungskünstler Thomas Bernhard eine seiner
Romanfiguren sagen? "Wohin immer wir heute in diesem Land schauen, wir schauen in eine
Senkgrube der Lächerlichkeit."
Wie immer kommt er der Wahrheit sehr nahe. Das wär's.
Nachdem die mediale Hetzkampagne nach der Premiere wegen Harmlosigkeit in sich zusammenzubrechen drohte, blieb dem Kommentar nichts anderes übrig, als Claus Peymann die Schuld an der Misere zu geben. Der Titel "Ein zynisches Theaterspiel" (5. 11.) also im wahrsten Sinn des Wortes.
Der Mechanismus ist ganz einfach. Die Burg spielt Kulturkampf - statt Theater.
Der Herr Direktor braucht seinen Skandal als Erfolgsnachweis, und dazu ist ihm (beinahe)
jedes Mittel recht. Nur so kann der Burgtheaterdirektor im Gespräch bleiben und
wenigstens einige Zeit vermeiden, daß er mit seinem Mißmanagement des Theaters ins
Gerede kommt. Wer spricht denn jetzt noch davon, daß die Burg am Ende ist. Wer wagt,
da es doch um das große Österreich - Theater geht, noch den Hinweis auf Planungschaos
und mangelndes Publikumsinteresse an Repertoirevorstellungen? Selbst die Ensemblevertretung,
die mit guten Argumenten kämpft, schloß jetzt Waffenstillstand mit der Direktion - obwohl
sich an den Zuständen im Haus nichts geändert hat.
Claus Peymann ersetzt aufregende Theaterarbeit durch den programmierten Skandal. Er macht
sein Geschäft mit den Emotionen - und wir alle zahlen den Preis. In aller Liberalität
sind wir noch stolz darauf, daß wir ihm hereingefallen sind. Oder traut sich jemand
dem Theaterkaiser zu sagen, daß er keine Kleider trät?
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