Thomas Bernhards Heldenplatz im Spiegel der Presse
Pressereaktionen auf "Heldenplatz"

"Die Presse"
"von der P r e s s e rede ich nicht
dieses verkommene Blatt ist mit zehn Schilling
selbst als Schlafmittel zu teuer"

                                (Heldenplatz)
Die Berichterstattung in der Presse ist einheitlich negativ gewertet. Nur eine Stellungnahme, allerdings mit "Beiträge in dieser Rubrik geben die Meinung des Autors wieder und müssen sich nicht mit der Auffassung der Redaktion decken" gekennzeichnet, bestätigt die Aussage des Stücks mit anderen Worten (31. 10.):
Hierzulande reden oder besser brabbeln viele. Denn wirklich sprechen können wir
ja alle z'samm nicht(s). Es ist nur eine allzu gut hör- und sichtbare Tatsache, daß das
Sprach- und Sprechniveau des Homo austriacus eines der schlechtesten ist. Jedes Interview
mit einem deutschen Fußballer ist um Klassen besser als das mancher österreichischer
Kommunalpolitiker, von unseren Sportlern ganz zu schweigen. Besonders ganz, denn
sie zeigen eine andere Seite der sensiblen heimischen Seele: wenn's darauf ankommt,
haben wir die Hosen gestrichen voll. In diesem Land stinkt es, als würde das Rinterzelt
spät, aber doch noch funktionieren und unserem ganzen lieben Hoamatl
übergestülpt worden sein.
läßt aber trotzdem eine teilweise negative Einstellung zu "Heldenplatz" durchblicken.
Die Ausdrucksweise in den Artikeln, ist der Presse gemäß, nicht so deftig und reißerisch wie in den Boulevardblättern, die Aussagen sind aber mindestens so eindeutig. Nur die Argumentation ist anders gelagert. In der Presse geht es mehr um die Beschimpfung des Volkes, um die allgemeine Burgmisere und um die Judenproblematik.
Politiker und Institutionen, die sich öffentlich gegen Zensur und Debatten aussprechen, müssen auch in der Presse mit Angriffen rechnen. Die sozialistischen Politiker "verschanzen sich hinter der verfassungsrechtlich gesicherten`Freiheit der Kunst´" (13. 10.). Deshalb kommen ihre Aussagen in der Presse so gut wie nicht vor. Lediglich Ursula Pasterk wird folgendermaßen zitiert (13. 10): "Wiens Kulturstadträtin Pasterk versteigt sich gar zu der Bemerkung, die Diskussion sei eine Katastrophe für den Ruf der österreichischen Kulturnation." Repräsentativ für alle Politikeraussagen wird dagegen die Stellungnahme des Bundespräsidenten Kurt Waldheim angeführt (12. 10.): "Ich halte dieses Stück für eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes und lehne es daher ab", sagt der Bundespräsident. Er drückt aus, was Politiker aller drei Couleurs - mehr oder minder deftig - zu Protokoll geben."
Ein "Heldenplatz"-Gastspiel ist in Hamburg nicht gefragt. Auch das deutsche
Feuilleton wird der künstlerischen Kunstskandale müde. "Die Toten werden nicht
durch Haß versöhnt, Haß erzeugt neue Tote. Ich wußte es, aber ich hatte nicht die
Kraft, es auf die Bühne zu schreien", war vor einer Woche in großen Lettern in der
Hamburger "Zeit" zu lesen. Der Autor dieser Zeilen: Benjamin Kora, deutscher Theater -
regisseur und Jude. Der Anlaß: Erinnerungen an den Frankfurter Skandal um das
Faßbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" im Jahr 1985.
"Die Presse" gehört zu Österreichs "niveauvollen" Tageszeitungen. Diesen Schein hat sie sich bei Lesern, die nur oberflächlich über eine Seite hinwegrasen, erhalten können. Man findet keine sensationellen Aufmachungen und aufmerksamkeitserregende Titelschlachten. In Wirklichkeit jedoch, beteiligt sie sich genauso am Medienspektakel und sie hat bei der Auswahl der Politikerzitate noch weniger Objektivität bewiesen, als zum Beispiel die Kronen Zeitung.
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